von Reinhardt Cornelius-Hahn
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19. Dezember 2025
Die Suche nach dem Glück Matthias und Lukas lagen auf einer blumenbesternten Wiese. „Alles ist so langweilig“, gähnte Lukas. Er brach einen Zweig von einem Strauch und warf damit nach Matthias. „Alles ist sehr langweilig“, erwiderte Matthias und spuckte einen Grashalm aus. Hoch oben am Himmel trällerte eine Lerche. Sie sang immerfort: „Ich bin zufrieden – so zufrieden – zufrieden bin ich“. Das wollten Lukas und Matthias nicht hören. Lukas sagte: „Zufriedenheit, was soll das sein? Ich bin nicht zufrieden“. „Richtig“, erwiderte Matthias, „Zufriedenheit ist eine alberne Sache. Nur dumme und alte Leute können zufrieden sein.“ Lukas nahm einen Brocken Erde und warf nach der Lerche. „Einmal treffe ich dich“, drohte er. Die Lerche aber stieg in die Lüfte, bis ihr Gesang nicht mehr zu hören war. Die „Ich soll meinen Eltern im Garten helfen“, sagte Matthias. „Und – willst du ihnen helfen?“, fragte Lukas. „Nein, dabei muss ich mich anstrengen“, erwiderte Matthias. „Das kann ich verstehen. Hanna will mit mir wandern gehen“, sagte Lukas. „Dazu habe ich keine Lust. Hanna meint, dass sie mich gern hat. Ich glaube ihr das nicht.“ „Sie wird dich nicht lieben. Ich kenne das von Anna. Sie verspricht mir alles, und geht doch ihre eigenen Wege“, sagte Matthias. Seine Stimme klang ein wenig traurig. „Lieber Freund“, sprach er, „was uns fehlt, ist das Glück. Ich glaube, das Glück wird uns nicht gegeben. Wir müssen es suchen. Man sagt uns aber nicht, wo es zu finden ist. Hätte ich das Glück, erst dann wäre ich mit mir zufrieden.“ „Du hast recht. Uns fehlt das Glück. Wir wollen glückliche Menschen sein.“ „Auf geht´s, suchen wir das Glück! Was brauchen wir Anna und Hanna.“ Sie erhoben sich von der blumenbesternten Wiese und betraten einen grünen Park. Hohe Bäume wuchsen dort und bunte Blumen. „Ist das langweilig hier“, gähnte Lukas. Dann trafen sie einen alten Mann, der die Erde eines Rosenbeetes lockerte. „He, Alter. Wir suchen das Glück“, rief Matthias. „Es fehlt uns so sehr. Sag du uns, wo wir es finden, alter Mann“, forderte Lukas. Verwundert schaute der Alte die Burschen an. „Ihr seid das Glück“, sagte er. „Unsinn, Alter. Veralbere uns nicht. Wo ist das Glück?“ „Ihr sucht also das Glück. Seht euch um“, forderte der Alte sie auf. Er streckte den Arm aus und wies mit der Hand auf die Stadt. Sie war zwischen Bäumen und Wiesen neben dem Fluss eingebettet. Die Häuser scharrten sich um die fünf Türme, die schlank und spitz in die Höhe ragten. Menschen kamen und gingen zum Marktplatz. Sie waren froh und heiter. „Das soll das Glück sein?“, fragte Matthias böse. „Oder seht euch meine Rosen an“, sagte der Alte unbeirrt, „sind sie nicht herrlich, diese Blüten? Leuchtet es nicht wunderbar, das kühne Rot? Und schaut her, wie erfrischend das kräftige Grün der Blätter ist.“ „Wir suchen das Glück. Was sollen wir mit der Stadt, mit den Rosen oder mit uns selbst?“ „Diese stolze Rose verneigt sich vor mir, Alter. Sie her!“ Matthias knickte der Blume den Hals. Die Blüte fiel in den Staub. Ein Tautropfen perlte aus dem Kelch. „Ihr seid unglückliche Menschen“, sagte der Alte. Aber verärgert schaute er Lukas an. „Was ist mit dir, du bist sein Freund. Kannst du auch keinen Gefallen an dieser wunderbaren Rose finden? Warum antwortest du nicht? Schau diese Lerche da oben. Grau und unscheinbar schwebt sie über dem Felde. Sie singt unterm hohen Himmel und verbreitet Frohsinn. Hat sie nicht etwas Göttliches an sich.“ „Du verehrst einen Vogel, Alter. Ich bin ihm weit überlegen“, sprach Lukas. Er nahm einen flachen Stein und schleuderte ihn hoch in die Luft. Zu Tode getroffen, fiel die Lerche herab. Der alte Mann lief auf das Feld. Entsetzt hielt er den Vogel in seiner Hand. „Ihr seid verflucht“, schrie er. „Euer Verstand sitzt auf der Zunge. Aber wartet: Das Leid wird euch heimsuchen!“ „Verschwinde, Alter! Sonst geht es dir schlecht“, rief Matthias. „Dummes Gerede – das wird das Alter machen“, sagte Lukas. Der Mann verließ den Park. Er lief gebeugt, und sein Gesicht war voller Gram. „Jetzt bewundert er den Weg, auf dem er geht. Ich bin mir sicher. Er ist krank“, stellte Lukas fest. „Wo ist das Glück? Ich halte die Langeweile nicht mehr aus. Was meinst du, Lukas, was ist das Glück? Wie sieht es aus?“ „Wenn ich das nur wüsste! Vielleicht kann man es sehen? Oder trinken? Es könnte eine rosa Wolke sein, auf der man schwebt. Oder ein besonderes Wasser, in dem man badet? Ich stelle es mir jedenfalls als etwas Besonderes und sehr Schönes vor, das Glück“, sagte Lukas. „Vielleicht kann man es aber auch essen oder hören? Wie sonst erkennt man es? Ach Matthias, wir werden nie glücklich sein?“ „Sag Lukas, wo bekommen wir es her? Ich sehne mich nach dem Glück. Ich sehne mich so sehr danach, dass es mich fast verbrennt. Wir müssen es finden – das Glück. Sonst bleibt uns nur die Langeweile oder die Verzweiflung.“ Die Sehnsucht trieb Lukas und Matthias aus dem Park. „Glück, wo bist du!“, rief Matthias. Es antwortete nicht. „Ich will das Glück“, schrie Matthias und stampfte mit den Füssen, dass die Erde bebte. Aus einem Schlammloch stieg eine graue schmutzige Welle empor. Der Schmutz sagte: „Ich bin der Schlüssel zum Glück. Ich weise euch den Weg“. Das hatten Matthias und Lukas noch nie gehört. Sie lachten laut und ausgelassen. Matthias trat nochmals in den Schlamm. „Wo ist das Glück“, rief er lachend. „Wo-wo-wo?“ „Der Weg zum Glück wird so weit wie der Blick zum Himmel sein – er kennt keine Grenzen“, sprach der Schmutz. Das wollten die Burschen nicht glauben. „Woher willst du das wissen. Wer bist du eigentlich?“, fragten sie. „Ich bin das Elend“, erwiderte der Schmutz und hob sich wie eine graue Zunge aus der Pfütze. „Ich möchte auch zum Glück. Nehmt mich mit, so findet ihr den Weg.“ So nahmen sie das Elend in die Mitte. „Du bist so dreckig, aber warum sollst du nicht unser Gefährte sein? Hier in dieser Welt zeigt und gibt uns niemand das Glück. Es wird nur allerlei darüber geredet.“ „Wir haben ein Recht auf unser Glück – sonst verlieren wir die Lust am Leben“. Solche und andere Dinge erzählten sie ihrem neuen Gefährten. „Recht habt ihr“, bekräftigte das Elend ihre Worte, „das Glück steht allen zu. Ruhen wir uns aus und trinken wir auf das Glück, dass wir es finden“. Sie gingen in ein Gasthaus, um mit dem Elend über den Weg zum Glück zu reden. Bei dem Wirt bestellten sie Wein. Sie tranken und schwatzten den ganzen Tag und die folgende Nacht. Es gab viel über das Glück zu reden. Der Wirt brachte immer von neuem perlenden Wein, kaum dass sie die Jungs ihre Gläser geleert hatten. Es schmeckte allen gut. Sie sangen, erzählten und tranken. Das Elend saß mit ihnen am Tisch und soff. Nach und nach veränderte es sein Aussehen. Es begann golden zu glänzen, es lacht laut und schrill und es war ein besonders froher Gast im Wirtshaus. Lukas sagte zu ihm: „Jetzt sind wir erwachsene Leute geworden. Wir brauchen unsere Eltern nicht mehr. Ein glücklicher Mensch kann auch auf seine Verwandtschaft verzichten. Ich glaube, das Glück kann man trinken. Bestell noch einen Krug!“ „Mir ist so leicht und wohl, als wäre das Glück durch meine Kehle geronnen und füllte mich aus. Hanna und Anna, was sollen wir mit denen? Fehlt dir Hanna?“, fragte Matthias seinen Freund. „Was soll ich mit der. Sie macht doch, was sie will. Ich möchte nicht zurück zu ihr. Nur manchmal…“. Aber Lukas Stimme ging unter in dem Lärm, den das Elend machte. Der Krug mit dem Wein kreiste unter den Trinkbrüdern und wurde wieder und wieder geleert. Dann aber war das Geld bis auf den letzten Pfennig ausgegeben. Ratlos blickten Lukas und Matthias das Elend an. „Das macht gar nichts“, sagte es unbekümmert, „mein Freund, der Neid, er kann uns helfen.“ Das Elend rief nach dem Neid. Der kam stöhnend aus einer finsteren Ecke an den Tisch gekrochen. „Nun komm schon“, forderte das Elend ihn auf. Im Nu steckte der Neid in Matthiass und Lukass Augen. „Uns geht es schlechter als allen anderen“, sagte Matthias. „Nein, so ist es nicht. Du bist gut. Du bist ein Gewinner“, erwiderte der Neid. Er nahm das letzte Geldstück und warf es in einen Spielkasten. In dem Kasten klingelte und rasselte es. Die bunten Scheiben und Kreise drehten sich und der Spielkasten spuckte ein Geldstück nach dem anderen in Matthiass Hand. Er gewann noch mehr Geld, als er in den letzten Tagen vertrunken hatte. „Ich habe Glück“, rief er. „Und jetzt versuche es mit Karten“, sagte der Neid. „Du bist besser als die anderen. Du bist sehr gut. Du bist der größte Gewinner, den es je gegeben hat!“ Matthias warf das Geld auf den Tisch und forderte die anderen Gäste auf, die Karten zu mischen. Auch die Karten brachten ihm Glück. „Ich gewinne“, rief er begeistert. Er setzte das gewonnene Geld immer von neuem ein, es wurde mehr und mehr. Dann brachte der Wirt einen Würfelbecher. Lukas spielte ebenfalls mit und gewann. Mit dem Geld stopften sie ihre Taschen voll. So tranken und spielten am Tage und in der Nacht. Beiden fehlten der Schlaf und das Essen. Da bestellten sie bei dem Wirt ein Zimmer mit prächtigen Betten und eine köstliche Mahlzeit. Mit ihrer Kleidung legten sie sich ins Bett. Die Teller und Schüsseln breiteten sie auf der Federdecke aus, den Weinkrug stellten sie neben sich auf den Boden. So brauchten sie nur noch aus dem Bett nach dem Wein zu greifen. Sie tranken, aßen und schliefen, doch sie wurden weder heiter noch zufrieden davon. „Ich bekomme nicht genug vom Glück“, rief Lukas. „Ich will auch immer mehr“, rief Matthias. Der Neid und das Elend hörten das. „Wir bringen euch unseren Gefährten, die Gier“, versprachen sie. Bald breitete sich ein betörender Duft im Raum aus. Der Rauch umfing die Burschen, sie atmeten ihn tief ein und begannen zu träumen. Von einer blumenbesternten Wiese träumten sie, von Hanna und Anna, von einer Rose und einer singenden Lerche. Doch als sie erwachten, konnten sie sich an nichts mehr erinnern. „Ich will mehr vom Glück. Ich habe es geschmeckt“, rief Matthias. „Ich will auch mehr davon. Ich habe davon gehört“, rief Lukas. „Ich bringe es euch“, versprach die Gier. Es zündete Kräuter an und blies den Rauch in die Münder der zwei. Lukas und Matthias schlossen die Augen und schwebten im Duft des Rauches. Sie sahen ein Schloss in rosa Wolken eingebettet. „Das ist kein Traum, das ist das Glück. Jetzt habe ich das Glück gesehen. Es ist ein Schloss, welches auf rosa Wolken schwebt.“ „Ja, ich habe es auch gesehen“, rief Lukas. „Wir haben es selbst entdeckt. Es ist so schön. Deshalb sagte uns niemand, wo das Glück zu finden ist. Es wohnt in einem wunderbaren Schloss. Jeder, der es entdeckt, will es für sich allein behalten. Keiner sagt es weiter!“ Die betörenden Düfte im Zimmer lösten sich auf. Die zwei Burschen erwachten. „Mir ist übel“, sagte Matthias. „Mir schmerzt der Kopf“, stöhnte Lukas. „Meine Hände zittern.“ „Ich musste mich erbrechen.“ Von neuem verlangten sie nach Kräutern und Hanf, dem Wein und dem Spiel. Essen wollten sie gar nicht mehr. Schließlich aber war das Geld verbraucht. Der Wirt packte sie und warf sie auf die Straße. Das Elend, der Neid und die Gier, sie gingen für sie auf die Suche nach Wein, Spiel und Kräutern, doch niemand wollte etwas für Matthias und Lukas geben. Darüber waren die Burschen wütend. Sie waren fast gar nicht wiederzuerkennen. Ihre Kleidung starrte vor Schmutz, in ihren Augen schimmerte ein feuchter Glanz, und ein paar Habseligkeiten trugen sie in Beuteln und Taschen mit sich. Sie schliefen auf Bänken im Park und unter Brücken. Mit alten Decken und Kartons deckten sie sich zu. Sie waren ratlos, schwach und ohne jede Lust. Die Gier brachte ihnen ein paar Pfennige. Das Elend brachte ihnen einen Schluck Wein. Der Neid brachte ihnen einen Gedanken: „Der Weg zum Glück ist nicht mehr weit. Es gehört nur ein wenig Mut dazu“, sagte er. „So ist es, nur ein wenig Mut“, ermunterte die Gier. „Wir führen euch zu jemandem, der wird euch helfen, den Weg zum Glück zu finden“, flüsterte das Elend. „Nun sagt schon, wer ist es? Müssen wir erst darum betteln“, rief Lukas. „Habt ihr uns nicht das Glück versprochen?“, fragte Matthias. „Ihr wisst doch, wir helfen euch“, sprach der Neid. „Aber niemand darf uns stören. Wir suchen uns einen Platz, an dem uns keiner sehen kann.“ Als sie in einer finsteren Straßenecke angekommen waren, trafen die Gier, der Neid und das Elend ihren großen Gefährten, das Grauen. Als es plötzlich vor Matthias und Lukas stand, da erschraken sie sehr. So hässlich und furchtbar sah es aus, dass sie den Blick abwenden mussten. „Das Grauen soll uns zum Glück führen?“, fragte Lukas zweifelnd. „Wie soll das gehen?“ „Das Grauen ist das Tor zum Glück“, erwiderte das Elend. „Vertraut ihm nur.“ „Du kannst viel erzählen“, sagte Matthias. „Ich will wissen, welcher Weg zum Glück führt. Wir warten schon seit Jahren darauf, dass uns jemand den Weg dorthin zeigt. Die Sehnsucht lässt mich nicht mehr los. Also, wo führt er entlang?“ Das Grauen beugte sich über Lukas und Matthias und sagte: „Das Glück liegt hinter einem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Zuerst muss dieser Abgrund überwunden werden. Nach ihm kommt ein gewaltiges Meer, das müsst ihr überqueren, damit ihr das kälteste Land der Welt erreicht. Es ist kälter, als die Pole es sind. Dahinter aber beginnt das Land des Glücks“, sprach das Grauen. „Ich will nicht dorthin“, rief Lukas voller Furcht. „Versucht es nur“, beschwichtigte ihn das Grauen. „Wir können ja immer noch umkehren“, meinte Matthias zögernd. „Richtig – probiert es nur aus“, redete das Grauen ihnen zu. „Ich bin euer Seil“, sagte die Gier. „Ich lege mich über den Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Mit mir kommt ihr wieder zurück, wenn es euch dort nicht gefällt.“ „Ich bin euer Boot“, versprach das Elend. „Ich trage euch über das gewaltige Meer. Ich bringe euch wohlbehalten ans Ufer.“ „Und ich bin Euer Mantel“, ermunterte sie der Neid. „Ich hülle euch im kältesten Land der Erde wärmend ein. Mit mir werdet ihr nicht erfrieren.“ Matthias und Lukas zögerten. Da sagte das Grauen: „Ich gebe euch die Kraft für den Weg ins Glück. Vertraut mir“. Es sagte diese Worte so freundlich, dass die Burschen ihre Furcht überwanden. „Ich probier’s mit dir“, sagte Matthias. „Ein Versuch kann nicht schaden“, stimmte Lukas zu. Da drängte sich das Grauen durch die Haut Lukas und Matthias. Es öffnete die Adern in den Armen und floss in ihre Körper. „Wo ist der Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt?“, flüsterte Matthias, bevor er die Augen schloss. „Ich habe Angst vor dem Abgrund. Wie tief werde ich fallen?“, flüstere Lukas. „Überall ist dieser Abgrund“, sagte das Grauen in ihnen, „wir werden ihn gemeinsam überwinden. Ich nehme euch an meine Hand“. So kam es dann auch. Zitternd standen Lukas und Matthias vor dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Sie warfen das Seil über die Kluft. Als es fest war, krochen und rutschten sie darüber. Beinahe wären sie in die Tiefe gestürzt, doch die Gier nach dem Glück trieb sie voran. Erschöpft kamen die Burschen auf der anderen Seite der Welt an. Das Seil fiel in die Tiefe. Lukas zählte drei Falten auf seiner Stirn. Matthias riss heimlich mehrere Silberfäden aus seinem Haar. Beide fühlten sich schwach und müde, doch das Grauen gab ihnen neue Kraft. Wieder strömte es in ihre Adern und es gelangte bis an ihre Herzen. Das Grauen hatte nicht gelogen. Es war ein gewaltiges Meer, das sich vor ihnen befand. Das Wasser war warm wie menschliche Haut, und alles schmeckte nach Tränen. Matthias und Lukas brachten das Boot ins Wasser. Bald erhob sich ein kräftiger Sturm, der das Boot in die Höhe schleuderte oder in die Tiefe warf. Die zwei Burschen dachten, sie flögen durch die Lüfte oder führen auf dem Grunde des Meeres. Das salzige Wasser fraß ein Leck in das Boot. Sie gingen mit dem Elend unter, aber schwimmend konnten sie ans Ufer gelangen. Das Grauen flößte ihnen neue Kräfte ein. Sie küssten und umarmten einander vor Freude, und sie gingen weiter voran auf ihrem Weg zum Glück. Lukas puderte und cremte vergeblich das Gesicht, die Falten in der Haut ließen sich nicht mehr glätten. Matthiass Haar leuchtete silbergrau. So kamen sie in das kälteste Land hinter dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Das Grauen hatte recht, es war kälter, als die Pole es sind. Bald aber musste das Land des Glücks vor ihnen sein, so hofften sie. Eingehüllte in dem Mantel des Neids wanderten sie in die Richtung, wo sie ihr Glück vermuteten. Sie trafen auf andere Menschen. Alle waren auf der Suche nach dem Glück. Sie aßen im Gehen. Einige schnüffelten an Tuben, um sich Kraft zu holen. Andere trugen Flaschen in ihren Manteltaschen. Es gab auch welche, die schluckten bunte Pillen oder tranken farbige Mixturen. Das Grauen tröstet Matthias und Lukas. Es kroch wieder und wieder in ihre Adern. Alle hatten es sehr eilig und es blieb keine Zeit für ein freundliches oder gar höfliches Wort. Die Gedanken Matthias und Lukas wollten zu Eissplittern frieren. Bald war es so kalt wie in der Nähe eines Menschen, der kein Herz mehr für sich hat. Lukas und Matthias stritten sich um den Mantel. Jeder wollte die schützende Wärme für sich allein behalten. Sie zerrissen den Stoff. Ihr Streit wurde so heftig, dass Matthias im tiefen Zorn in die eine Richtung und Lukas im heftigen Schmerz in die andere Richtung lief. Mit Matthias kam es so: Ein gewaltiger Eissturm nahm ihm alle Kraft. Er kam an im Lande des Glücks, wie er es sich einmal gewünscht und vorgestellt hatte. Es war ein wunderschönes Schloss auf rosafarbenen Wolken. Dort liegt er auf einer Pritsche aus Holz und redet wirre Worte. Das Schloss wird er nie mehr verlassen. Bis zu seinem Tode muss er dort bleiben. Er wird vom Grauen bewacht. Mit Lukas kam es so: In der Eiswüste traf er den Tod. Der fragte, ob er ihn von seinem Schicksal erlösen solle oder ob er den Weg zurückgehen wolle, den er mit Matthias gegangen war. „Du bist krank. Die Sehnsucht nach dem Glück ist dein Unglück. Komm’ mit mir oder geh’ zurück. Entscheide dich, Lukas.“ Lukas erschrak, als er diese Worte vernahm. Zurückzugehen durch das Eis, ohne ein Boot das Tränenmeer zu durchschwimmen und ohne ein Seil den Abgrund zu überwinden wie sollte er das allein wagen? Er sagte: „Ich schäme mich so sehr. Meine Eltern werden die Tür vor mir verschlossen halten, und Hanna wird mir nicht verzeihen wollen. Und sag, Herr Tod, wie soll ich Matthias Freunden und seinen Eltern erklären, was mit ihm geschehen ist? Sie werden mir an allem die Schuld geben. Ich habe mich auf das Elend eingelassen. Der Neid war mein Gefährte. Die Gier führte mich, und zuletzt habe ich das Grauen in mir getragen. Was soll ich nur machen, Herr Tod? Ich schäme mich so, ich möchte keinen Menschen mehr in die Augen blicken oder ihn in meiner Nähe haben.“ Als der Tod diese Worte hörte, da berührte er mit seiner kalten Hand das Herz Lukas. Lukas erbebte bis in die Seele und er kehrte eilends um, so gewaltig war seine Angst vor dem Tod. Als er zurückging, taute ein Sonnenstrahl einen schmalen Weg durch das Eis und milderte die Kälte. Nach einer langen Wanderung stand Lukas vor dem gewaltigen Tränenmeer. Er nahm all seinen Mut zusammen und schwimmend überquerte er das Meer. Seine Arme waren müde, als er am anderen Ufer stand. Dort strahlte die Sonne hell am Himmel. Bald stand Lukas vor dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Da sah er auf der anderen Seite Hanna stehen. Sie hatte all die Jahre auf ihn gewartet. Neben ihr lag Anna im Gras und weinte um Matthias. Lukas kniete nieder und baute mit seinen Händen eine Brücke. Hanna kam ihm entgegen. Sie half ihm und führte ihn in die Welt zurück, die er mit Matthias vor vielen Jahren verlassen hatte, um seine Sehnsucht nach dem Glück zu stillen. Eine Lerche jubilierte über ihnen am Himmel. Lukas dachte an den schweren Weg, den er gegangen war. Jetzt sah er das Land, die bunten Dörfer, die Stadt mit den fünf Türmen und die Menschen mit anderen Augen. Ihr Anblick machte ihn heiter und froh. Die Gegenwart gefiel ihm besser, als die Welt der Wünsche, die er begraben musste, um nicht daran zu sterben. Seine Hoffnung, das Glück zu finden, war zerbrochen. Er hatte endlich die Wirklichkeit für sich entdeckt. Darüber war er froh, - bei ihr angekommen zu sein. Eines Tages, Jahre waren vergangen, er lockerte die Erde eines Rosenbeetes, da trat ihm ein junger Bursche entgegen. Er sah aus wie ein jüngerer Bruder Matthias und er rief: „He, Alter, ich will das Glück! Man sagt, du wärest dort gewesen, wo das Glück zu Hause ist – also antworte! Wo finde ich es?“, wollte er wissen. „Du weißt nicht, wie du leben sollst. Keiner sagt es dir? Das Glück wohnt in dir. Du selbst bist das Glück“, antwortete Lukas. „Lass dir das gefallen. Nimm dich so hin, so wie du bist.“ Lukas brach eine erblühte Rose und gab sie dem Jüngeren in die Hand.