Über das Loslassen, Neinsagen oder auch das Kapitulieren
Unser Verstand, auch mein Verstand, wird mit ständiger Anregung beschenkt. Das passiert ganz einfach. Dafür sorgen fünf Sinne. Jeder kennt sie, Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Was machen diese Sinne mit mir? Sie sorgen dafür, dass ich die Welt ringsum sortieren, verstehen und auch entdecken kann.
Das kann jeder. Wir sind neugierig, interessiert, auch beschützt. Alles machen unsere Sinne, sie wollen oft aber auch wissen, was sich hinter den Dingen, Sachen, Ländern, ja sogar der ganzen Welt versteckt.
Dafür haben wir eben unseren Verstand, der sich erinnern, der vorausdenken und sogar Vorgänge, die noch nicht passiert sind, untersuchen kann. Jeder kennt sie, die Wissenschaft, die Erlebnisbereiche, die Erfahrungen und natürlich die Fantasie.
Damit kommen wir alle gut zurecht, bis, ja, bis sich Hindernisse, Probleme, Konflikte und Erfahrungen gegen unsere Neugier oder unser Wissen stellen.
Natürlich kann man sich helfen lassen, da gibt es die Gesellschaft, die uns bei allem hilft, was uns fehlt: Erziehung, Schule, Studium, Beruf, ja aber auch Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Dazu kommen noch Spiel, Spaß und Witz und man könnte meinen, dass ist der Lack, der die Welt zusammenhält.
Das ist zuerst richtig, wird aber gefährlich und problematisch, wenn unsere Wünsche, unser Neugier und auch die Fantasie auf all das verzichten will, was wir besitzen und haben. Besonders wichtig ist unsere Leibhaftigkeit. Was ist eigentlich der Leib, der Körper oder man kann auch sagen: Wer ist ICH?
Ich weiß, mein Leib ist mein Zuhause. Ich habe für Kinder vor Jahren geschrieben: Mein Leib ist mein Zuhause, darin wohne ich, fühle ich, denke ich und ich kann und darf ihn nicht verlassen. Aber, der Schmerz, die Sucht(Suche), die fehlende Erfahrung und mangelndes Wissen zerstören mein HAUS.
Der Verstand in meinem Leib erfährt viel Neues, darunter auch die Herabwürdigung und das Fehlen seines Selbstwertes. Mein Verstand ist ständig und fast immer dem ausgesetzt, was gerade geschieht. Man kann es auch den Alltag, den Augenblick oder das Jetzt nennen ausgesetzt. Ein Mensch kommt einfach von sich nicht weg. Sein Haus, also der Leib, kann auch sein Gefängnis werden. Die Sinne sind nicht nur augenblicklich immer da, sie sind auch alle animalisch, also tierhaft. Wir können auch nicht so tun, als gebe es die Eindrücke der Sinne oder das Geschehen um uns herum nicht.
Aber, wir Menschen haben ein Gedächtnis, damit kann man Pläne schmieden. Wir vergessen vielleicht das, was uns nicht passt, aber das, was uns gefällt, das bewahren und pflegen wir. Erinnerungen sind gut oder schlecht, weil man sich an Glück gern erinnern möchte, anders ist es mit dem Pech. Das eine möchte man gern wiederholen, das andere vermeiden.
Sonst geht es uns allen gut, fast allen Menschen an den Orten, in denen wir leben. Das ist bei mir auch so, aber, es war nicht immer so.
Vor 41 Jahren, ich war damals 35 Jahre alt, stand also mitten im Leben, da hatte ich alles verloren oder abgegeben, auch die Hoffnung auf kommende Zeiten oder ich nenne es einfach mal die Zukunft. Damals war ich ein nasser Trinker, medikamentenabhängig und Kettenraucher und fühlte mein Lebensende kommen. Ich stürzte in ein Prädelir ab. Das ist, wenn alle Sinne versagen und auch der Leib sein Leben aufgeben müsste. In dieser Zeit, wie gesagt, es war vor über vierzig Jahren, fand ich eine Gruppe von Menschen, die der Sucht und Suche nach vermeintlichem Glück abgeschworen hatten. Sie waren nüchtern geworden.
Drei bis fünf Jahre waren sie mein Vorbild, und ich habe Tag für Tag trocken gelebt. Ich war ständig auf der Suche nach einem neuen Glück oder man kann es auch, ein anderes Leben nennen. Ein Leben ohne Krankheit und Tod schien mir noch Lebenswert, anderes nicht. Heute nenne ich diese Suche den schweren Weg zur klaren Quelle des Nüchtern-Seins im Verstand. Ich kann auch sagen, es war die Suche nach dem Wasser in der Wüste des Ausgestoßen-Seins. Ausgegrenzt, entwürdigt, kaputt: Der ist schon tot. Eine Leiche, die vergessen hat, zu sterben. Das ist jetzt bald 42 Jahre her.
Ich habe begriffen, was das ist und bedeutet, zu kapitulieren. Aufgeben, loslassen, nein sagen um endlich das Überleben in mir selbst zu finden. Das Überleben ist ist in meinem Leib zu Hause, nicht in meinem Verstand, der ständig nach Neuem oder anderen Dingen giert. Es gab und gibt für mich heute keinen Ort mehr, wo ich mich verstecken oder verkriechen könnte oder wollte. Dieser Ort Nirgendwo ist überall. Er ist das Zuhause in mir.
Zum Leben brauche ich nichts, gar nichts, ich brauche nur mich. Ich bin kein Egoist, aber ich bin einer, der sich selbst durch Kapitulation neue Lebenshilfe gegeben hat. Nur so geht es. Lebenshilfe ist keine Willensfrage, sondern nur eine Einsicht, sich selbst zu bewahren und anderen zu helfen, um mit dem Leib durchs Leben zu kommen.
Versteht ihr mich? Natürlich... und jetzt erzähle ich, was ich alles mit diesem Kapital, das mir durch meine Kapitulation vor der Sucht geschenkt wurden begonnen habe.
1. Mir selbst geholfen
2. Anderen geholfen
3. Gearbeitet, geliebt und Kinder in die Welt gesetzt
4. Drei Bestseller geschrieben
5. Bücher für Kinder verfasst
6. Tatsächlich als rettender Sponsor mehr als zehn Menschen gerettet
7. Eine Firma gegründet und 40 Menschen Arbeit und Ausbildung gegeben
8. 2.000 mal vor fremden Menschen über Sucht gesprochen
9. Die Welt kennengelernt und gesund geblieben und
10. mehr als 15.000 Tage früh aufgestanden mit dem Satz: Heute trinke ich nicht!
Keiner hat mir gesagt, wie ich leben soll...
Heute weiß ich das und bedanke mich bei den Menschen,
die mir ein Vorbild waren in schwerster Zeit

Die Suche nach dem Glück Matthias und Lukas lagen auf einer blumenbesternten Wiese. „Alles ist so langweilig“, gähnte Lukas. Er brach einen Zweig von einem Strauch und warf damit nach Matthias. „Alles ist sehr langweilig“, erwiderte Matthias und spuckte einen Grashalm aus. Hoch oben am Himmel trällerte eine Lerche. Sie sang immerfort: „Ich bin zufrieden – so zufrieden – zufrieden bin ich“. Das wollten Lukas und Matthias nicht hören. Lukas sagte: „Zufriedenheit, was soll das sein? Ich bin nicht zufrieden“. „Richtig“, erwiderte Matthias, „Zufriedenheit ist eine alberne Sache. Nur dumme und alte Leute können zufrieden sein.“ Lukas nahm einen Brocken Erde und warf nach der Lerche. „Einmal treffe ich dich“, drohte er. Die Lerche aber stieg in die Lüfte, bis ihr Gesang nicht mehr zu hören war. Die „Ich soll meinen Eltern im Garten helfen“, sagte Matthias. „Und – willst du ihnen helfen?“, fragte Lukas. „Nein, dabei muss ich mich anstrengen“, erwiderte Matthias. „Das kann ich verstehen. Hanna will mit mir wandern gehen“, sagte Lukas. „Dazu habe ich keine Lust. Hanna meint, dass sie mich gern hat. Ich glaube ihr das nicht.“ „Sie wird dich nicht lieben. Ich kenne das von Anna. Sie verspricht mir alles, und geht doch ihre eigenen Wege“, sagte Matthias. Seine Stimme klang ein wenig traurig. „Lieber Freund“, sprach er, „was uns fehlt, ist das Glück. Ich glaube, das Glück wird uns nicht gegeben. Wir müssen es suchen. Man sagt uns aber nicht, wo es zu finden ist. Hätte ich das Glück, erst dann wäre ich mit mir zufrieden.“ „Du hast recht. Uns fehlt das Glück. Wir wollen glückliche Menschen sein.“ „Auf geht´s, suchen wir das Glück! Was brauchen wir Anna und Hanna.“ Sie erhoben sich von der blumenbesternten Wiese und betraten einen grünen Park. Hohe Bäume wuchsen dort und bunte Blumen. „Ist das langweilig hier“, gähnte Lukas. Dann trafen sie einen alten Mann, der die Erde eines Rosenbeetes lockerte. „He, Alter. Wir suchen das Glück“, rief Matthias. „Es fehlt uns so sehr. Sag du uns, wo wir es finden, alter Mann“, forderte Lukas. Verwundert schaute der Alte die Burschen an. „Ihr seid das Glück“, sagte er. „Unsinn, Alter. Veralbere uns nicht. Wo ist das Glück?“ „Ihr sucht also das Glück. Seht euch um“, forderte der Alte sie auf. Er streckte den Arm aus und wies mit der Hand auf die Stadt. Sie war zwischen Bäumen und Wiesen neben dem Fluss eingebettet. Die Häuser scharrten sich um die fünf Türme, die schlank und spitz in die Höhe ragten. Menschen kamen und gingen zum Marktplatz. Sie waren froh und heiter. „Das soll das Glück sein?“, fragte Matthias böse. „Oder seht euch meine Rosen an“, sagte der Alte unbeirrt, „sind sie nicht herrlich, diese Blüten? Leuchtet es nicht wunderbar, das kühne Rot? Und schaut her, wie erfrischend das kräftige Grün der Blätter ist.“ „Wir suchen das Glück. Was sollen wir mit der Stadt, mit den Rosen oder mit uns selbst?“ „Diese stolze Rose verneigt sich vor mir, Alter. Sie her!“ Matthias knickte der Blume den Hals. Die Blüte fiel in den Staub. Ein Tautropfen perlte aus dem Kelch. „Ihr seid unglückliche Menschen“, sagte der Alte. Aber verärgert schaute er Lukas an. „Was ist mit dir, du bist sein Freund. Kannst du auch keinen Gefallen an dieser wunderbaren Rose finden? Warum antwortest du nicht? Schau diese Lerche da oben. Grau und unscheinbar schwebt sie über dem Felde. Sie singt unterm hohen Himmel und verbreitet Frohsinn. Hat sie nicht etwas Göttliches an sich.“ „Du verehrst einen Vogel, Alter. Ich bin ihm weit überlegen“, sprach Lukas. Er nahm einen flachen Stein und schleuderte ihn hoch in die Luft. Zu Tode getroffen, fiel die Lerche herab. Der alte Mann lief auf das Feld. Entsetzt hielt er den Vogel in seiner Hand. „Ihr seid verflucht“, schrie er. „Euer Verstand sitzt auf der Zunge. Aber wartet: Das Leid wird euch heimsuchen!“ „Verschwinde, Alter! Sonst geht es dir schlecht“, rief Matthias. „Dummes Gerede – das wird das Alter machen“, sagte Lukas. Der Mann verließ den Park. Er lief gebeugt, und sein Gesicht war voller Gram. „Jetzt bewundert er den Weg, auf dem er geht. Ich bin mir sicher. Er ist krank“, stellte Lukas fest. „Wo ist das Glück? Ich halte die Langeweile nicht mehr aus. Was meinst du, Lukas, was ist das Glück? Wie sieht es aus?“ „Wenn ich das nur wüsste! Vielleicht kann man es sehen? Oder trinken? Es könnte eine rosa Wolke sein, auf der man schwebt. Oder ein besonderes Wasser, in dem man badet? Ich stelle es mir jedenfalls als etwas Besonderes und sehr Schönes vor, das Glück“, sagte Lukas. „Vielleicht kann man es aber auch essen oder hören? Wie sonst erkennt man es? Ach Matthias, wir werden nie glücklich sein?“ „Sag Lukas, wo bekommen wir es her? Ich sehne mich nach dem Glück. Ich sehne mich so sehr danach, dass es mich fast verbrennt. Wir müssen es finden – das Glück. Sonst bleibt uns nur die Langeweile oder die Verzweiflung.“ Die Sehnsucht trieb Lukas und Matthias aus dem Park. „Glück, wo bist du!“, rief Matthias. Es antwortete nicht. „Ich will das Glück“, schrie Matthias und stampfte mit den Füssen, dass die Erde bebte. Aus einem Schlammloch stieg eine graue schmutzige Welle empor. Der Schmutz sagte: „Ich bin der Schlüssel zum Glück. Ich weise euch den Weg“. Das hatten Matthias und Lukas noch nie gehört. Sie lachten laut und ausgelassen. Matthias trat nochmals in den Schlamm. „Wo ist das Glück“, rief er lachend. „Wo-wo-wo?“ „Der Weg zum Glück wird so weit wie der Blick zum Himmel sein – er kennt keine Grenzen“, sprach der Schmutz. Das wollten die Burschen nicht glauben. „Woher willst du das wissen. Wer bist du eigentlich?“, fragten sie. „Ich bin das Elend“, erwiderte der Schmutz und hob sich wie eine graue Zunge aus der Pfütze. „Ich möchte auch zum Glück. Nehmt mich mit, so findet ihr den Weg.“ So nahmen sie das Elend in die Mitte. „Du bist so dreckig, aber warum sollst du nicht unser Gefährte sein? Hier in dieser Welt zeigt und gibt uns niemand das Glück. Es wird nur allerlei darüber geredet.“ „Wir haben ein Recht auf unser Glück – sonst verlieren wir die Lust am Leben“. Solche und andere Dinge erzählten sie ihrem neuen Gefährten. „Recht habt ihr“, bekräftigte das Elend ihre Worte, „das Glück steht allen zu. Ruhen wir uns aus und trinken wir auf das Glück, dass wir es finden“. Sie gingen in ein Gasthaus, um mit dem Elend über den Weg zum Glück zu reden. Bei dem Wirt bestellten sie Wein. Sie tranken und schwatzten den ganzen Tag und die folgende Nacht. Es gab viel über das Glück zu reden. Der Wirt brachte immer von neuem perlenden Wein, kaum dass sie die Jungs ihre Gläser geleert hatten. Es schmeckte allen gut. Sie sangen, erzählten und tranken. Das Elend saß mit ihnen am Tisch und soff. Nach und nach veränderte es sein Aussehen. Es begann golden zu glänzen, es lacht laut und schrill und es war ein besonders froher Gast im Wirtshaus. Lukas sagte zu ihm: „Jetzt sind wir erwachsene Leute geworden. Wir brauchen unsere Eltern nicht mehr. Ein glücklicher Mensch kann auch auf seine Verwandtschaft verzichten. Ich glaube, das Glück kann man trinken. Bestell noch einen Krug!“ „Mir ist so leicht und wohl, als wäre das Glück durch meine Kehle geronnen und füllte mich aus. Hanna und Anna, was sollen wir mit denen? Fehlt dir Hanna?“, fragte Matthias seinen Freund. „Was soll ich mit der. Sie macht doch, was sie will. Ich möchte nicht zurück zu ihr. Nur manchmal…“. Aber Lukas Stimme ging unter in dem Lärm, den das Elend machte. Der Krug mit dem Wein kreiste unter den Trinkbrüdern und wurde wieder und wieder geleert. Dann aber war das Geld bis auf den letzten Pfennig ausgegeben. Ratlos blickten Lukas und Matthias das Elend an. „Das macht gar nichts“, sagte es unbekümmert, „mein Freund, der Neid, er kann uns helfen.“ Das Elend rief nach dem Neid. Der kam stöhnend aus einer finsteren Ecke an den Tisch gekrochen. „Nun komm schon“, forderte das Elend ihn auf. Im Nu steckte der Neid in Matthiass und Lukass Augen. „Uns geht es schlechter als allen anderen“, sagte Matthias. „Nein, so ist es nicht. Du bist gut. Du bist ein Gewinner“, erwiderte der Neid. Er nahm das letzte Geldstück und warf es in einen Spielkasten. In dem Kasten klingelte und rasselte es. Die bunten Scheiben und Kreise drehten sich und der Spielkasten spuckte ein Geldstück nach dem anderen in Matthiass Hand. Er gewann noch mehr Geld, als er in den letzten Tagen vertrunken hatte. „Ich habe Glück“, rief er. „Und jetzt versuche es mit Karten“, sagte der Neid. „Du bist besser als die anderen. Du bist sehr gut. Du bist der größte Gewinner, den es je gegeben hat!“ Matthias warf das Geld auf den Tisch und forderte die anderen Gäste auf, die Karten zu mischen. Auch die Karten brachten ihm Glück. „Ich gewinne“, rief er begeistert. Er setzte das gewonnene Geld immer von neuem ein, es wurde mehr und mehr. Dann brachte der Wirt einen Würfelbecher. Lukas spielte ebenfalls mit und gewann. Mit dem Geld stopften sie ihre Taschen voll. So tranken und spielten am Tage und in der Nacht. Beiden fehlten der Schlaf und das Essen. Da bestellten sie bei dem Wirt ein Zimmer mit prächtigen Betten und eine köstliche Mahlzeit. Mit ihrer Kleidung legten sie sich ins Bett. Die Teller und Schüsseln breiteten sie auf der Federdecke aus, den Weinkrug stellten sie neben sich auf den Boden. So brauchten sie nur noch aus dem Bett nach dem Wein zu greifen. Sie tranken, aßen und schliefen, doch sie wurden weder heiter noch zufrieden davon. „Ich bekomme nicht genug vom Glück“, rief Lukas. „Ich will auch immer mehr“, rief Matthias. Der Neid und das Elend hörten das. „Wir bringen euch unseren Gefährten, die Gier“, versprachen sie. Bald breitete sich ein betörender Duft im Raum aus. Der Rauch umfing die Burschen, sie atmeten ihn tief ein und begannen zu träumen. Von einer blumenbesternten Wiese träumten sie, von Hanna und Anna, von einer Rose und einer singenden Lerche. Doch als sie erwachten, konnten sie sich an nichts mehr erinnern. „Ich will mehr vom Glück. Ich habe es geschmeckt“, rief Matthias. „Ich will auch mehr davon. Ich habe davon gehört“, rief Lukas. „Ich bringe es euch“, versprach die Gier. Es zündete Kräuter an und blies den Rauch in die Münder der zwei. Lukas und Matthias schlossen die Augen und schwebten im Duft des Rauches. Sie sahen ein Schloss in rosa Wolken eingebettet. „Das ist kein Traum, das ist das Glück. Jetzt habe ich das Glück gesehen. Es ist ein Schloss, welches auf rosa Wolken schwebt.“ „Ja, ich habe es auch gesehen“, rief Lukas. „Wir haben es selbst entdeckt. Es ist so schön. Deshalb sagte uns niemand, wo das Glück zu finden ist. Es wohnt in einem wunderbaren Schloss. Jeder, der es entdeckt, will es für sich allein behalten. Keiner sagt es weiter!“ Die betörenden Düfte im Zimmer lösten sich auf. Die zwei Burschen erwachten. „Mir ist übel“, sagte Matthias. „Mir schmerzt der Kopf“, stöhnte Lukas. „Meine Hände zittern.“ „Ich musste mich erbrechen.“ Von neuem verlangten sie nach Kräutern und Hanf, dem Wein und dem Spiel. Essen wollten sie gar nicht mehr. Schließlich aber war das Geld verbraucht. Der Wirt packte sie und warf sie auf die Straße. Das Elend, der Neid und die Gier, sie gingen für sie auf die Suche nach Wein, Spiel und Kräutern, doch niemand wollte etwas für Matthias und Lukas geben. Darüber waren die Burschen wütend. Sie waren fast gar nicht wiederzuerkennen. Ihre Kleidung starrte vor Schmutz, in ihren Augen schimmerte ein feuchter Glanz, und ein paar Habseligkeiten trugen sie in Beuteln und Taschen mit sich. Sie schliefen auf Bänken im Park und unter Brücken. Mit alten Decken und Kartons deckten sie sich zu. Sie waren ratlos, schwach und ohne jede Lust. Die Gier brachte ihnen ein paar Pfennige. Das Elend brachte ihnen einen Schluck Wein. Der Neid brachte ihnen einen Gedanken: „Der Weg zum Glück ist nicht mehr weit. Es gehört nur ein wenig Mut dazu“, sagte er. „So ist es, nur ein wenig Mut“, ermunterte die Gier. „Wir führen euch zu jemandem, der wird euch helfen, den Weg zum Glück zu finden“, flüsterte das Elend. „Nun sagt schon, wer ist es? Müssen wir erst darum betteln“, rief Lukas. „Habt ihr uns nicht das Glück versprochen?“, fragte Matthias. „Ihr wisst doch, wir helfen euch“, sprach der Neid. „Aber niemand darf uns stören. Wir suchen uns einen Platz, an dem uns keiner sehen kann.“ Als sie in einer finsteren Straßenecke angekommen waren, trafen die Gier, der Neid und das Elend ihren großen Gefährten, das Grauen. Als es plötzlich vor Matthias und Lukas stand, da erschraken sie sehr. So hässlich und furchtbar sah es aus, dass sie den Blick abwenden mussten. „Das Grauen soll uns zum Glück führen?“, fragte Lukas zweifelnd. „Wie soll das gehen?“ „Das Grauen ist das Tor zum Glück“, erwiderte das Elend. „Vertraut ihm nur.“ „Du kannst viel erzählen“, sagte Matthias. „Ich will wissen, welcher Weg zum Glück führt. Wir warten schon seit Jahren darauf, dass uns jemand den Weg dorthin zeigt. Die Sehnsucht lässt mich nicht mehr los. Also, wo führt er entlang?“ Das Grauen beugte sich über Lukas und Matthias und sagte: „Das Glück liegt hinter einem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Zuerst muss dieser Abgrund überwunden werden. Nach ihm kommt ein gewaltiges Meer, das müsst ihr überqueren, damit ihr das kälteste Land der Welt erreicht. Es ist kälter, als die Pole es sind. Dahinter aber beginnt das Land des Glücks“, sprach das Grauen. „Ich will nicht dorthin“, rief Lukas voller Furcht. „Versucht es nur“, beschwichtigte ihn das Grauen. „Wir können ja immer noch umkehren“, meinte Matthias zögernd. „Richtig – probiert es nur aus“, redete das Grauen ihnen zu. „Ich bin euer Seil“, sagte die Gier. „Ich lege mich über den Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Mit mir kommt ihr wieder zurück, wenn es euch dort nicht gefällt.“ „Ich bin euer Boot“, versprach das Elend. „Ich trage euch über das gewaltige Meer. Ich bringe euch wohlbehalten ans Ufer.“ „Und ich bin Euer Mantel“, ermunterte sie der Neid. „Ich hülle euch im kältesten Land der Erde wärmend ein. Mit mir werdet ihr nicht erfrieren.“ Matthias und Lukas zögerten. Da sagte das Grauen: „Ich gebe euch die Kraft für den Weg ins Glück. Vertraut mir“. Es sagte diese Worte so freundlich, dass die Burschen ihre Furcht überwanden. „Ich probier’s mit dir“, sagte Matthias. „Ein Versuch kann nicht schaden“, stimmte Lukas zu. Da drängte sich das Grauen durch die Haut Lukas und Matthias. Es öffnete die Adern in den Armen und floss in ihre Körper. „Wo ist der Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt?“, flüsterte Matthias, bevor er die Augen schloss. „Ich habe Angst vor dem Abgrund. Wie tief werde ich fallen?“, flüstere Lukas. „Überall ist dieser Abgrund“, sagte das Grauen in ihnen, „wir werden ihn gemeinsam überwinden. Ich nehme euch an meine Hand“. So kam es dann auch. Zitternd standen Lukas und Matthias vor dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Sie warfen das Seil über die Kluft. Als es fest war, krochen und rutschten sie darüber. Beinahe wären sie in die Tiefe gestürzt, doch die Gier nach dem Glück trieb sie voran. Erschöpft kamen die Burschen auf der anderen Seite der Welt an. Das Seil fiel in die Tiefe. Lukas zählte drei Falten auf seiner Stirn. Matthias riss heimlich mehrere Silberfäden aus seinem Haar. Beide fühlten sich schwach und müde, doch das Grauen gab ihnen neue Kraft. Wieder strömte es in ihre Adern und es gelangte bis an ihre Herzen. Das Grauen hatte nicht gelogen. Es war ein gewaltiges Meer, das sich vor ihnen befand. Das Wasser war warm wie menschliche Haut, und alles schmeckte nach Tränen. Matthias und Lukas brachten das Boot ins Wasser. Bald erhob sich ein kräftiger Sturm, der das Boot in die Höhe schleuderte oder in die Tiefe warf. Die zwei Burschen dachten, sie flögen durch die Lüfte oder führen auf dem Grunde des Meeres. Das salzige Wasser fraß ein Leck in das Boot. Sie gingen mit dem Elend unter, aber schwimmend konnten sie ans Ufer gelangen. Das Grauen flößte ihnen neue Kräfte ein. Sie küssten und umarmten einander vor Freude, und sie gingen weiter voran auf ihrem Weg zum Glück. Lukas puderte und cremte vergeblich das Gesicht, die Falten in der Haut ließen sich nicht mehr glätten. Matthiass Haar leuchtete silbergrau. So kamen sie in das kälteste Land hinter dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Das Grauen hatte recht, es war kälter, als die Pole es sind. Bald aber musste das Land des Glücks vor ihnen sein, so hofften sie. Eingehüllte in dem Mantel des Neids wanderten sie in die Richtung, wo sie ihr Glück vermuteten. Sie trafen auf andere Menschen. Alle waren auf der Suche nach dem Glück. Sie aßen im Gehen. Einige schnüffelten an Tuben, um sich Kraft zu holen. Andere trugen Flaschen in ihren Manteltaschen. Es gab auch welche, die schluckten bunte Pillen oder tranken farbige Mixturen. Das Grauen tröstet Matthias und Lukas. Es kroch wieder und wieder in ihre Adern. Alle hatten es sehr eilig und es blieb keine Zeit für ein freundliches oder gar höfliches Wort. Die Gedanken Matthias und Lukas wollten zu Eissplittern frieren. Bald war es so kalt wie in der Nähe eines Menschen, der kein Herz mehr für sich hat. Lukas und Matthias stritten sich um den Mantel. Jeder wollte die schützende Wärme für sich allein behalten. Sie zerrissen den Stoff. Ihr Streit wurde so heftig, dass Matthias im tiefen Zorn in die eine Richtung und Lukas im heftigen Schmerz in die andere Richtung lief. Mit Matthias kam es so: Ein gewaltiger Eissturm nahm ihm alle Kraft. Er kam an im Lande des Glücks, wie er es sich einmal gewünscht und vorgestellt hatte. Es war ein wunderschönes Schloss auf rosafarbenen Wolken. Dort liegt er auf einer Pritsche aus Holz und redet wirre Worte. Das Schloss wird er nie mehr verlassen. Bis zu seinem Tode muss er dort bleiben. Er wird vom Grauen bewacht. Mit Lukas kam es so: In der Eiswüste traf er den Tod. Der fragte, ob er ihn von seinem Schicksal erlösen solle oder ob er den Weg zurückgehen wolle, den er mit Matthias gegangen war. „Du bist krank. Die Sehnsucht nach dem Glück ist dein Unglück. Komm’ mit mir oder geh’ zurück. Entscheide dich, Lukas.“ Lukas erschrak, als er diese Worte vernahm. Zurückzugehen durch das Eis, ohne ein Boot das Tränenmeer zu durchschwimmen und ohne ein Seil den Abgrund zu überwinden wie sollte er das allein wagen? Er sagte: „Ich schäme mich so sehr. Meine Eltern werden die Tür vor mir verschlossen halten, und Hanna wird mir nicht verzeihen wollen. Und sag, Herr Tod, wie soll ich Matthias Freunden und seinen Eltern erklären, was mit ihm geschehen ist? Sie werden mir an allem die Schuld geben. Ich habe mich auf das Elend eingelassen. Der Neid war mein Gefährte. Die Gier führte mich, und zuletzt habe ich das Grauen in mir getragen. Was soll ich nur machen, Herr Tod? Ich schäme mich so, ich möchte keinen Menschen mehr in die Augen blicken oder ihn in meiner Nähe haben.“ Als der Tod diese Worte hörte, da berührte er mit seiner kalten Hand das Herz Lukas. Lukas erbebte bis in die Seele und er kehrte eilends um, so gewaltig war seine Angst vor dem Tod. Als er zurückging, taute ein Sonnenstrahl einen schmalen Weg durch das Eis und milderte die Kälte. Nach einer langen Wanderung stand Lukas vor dem gewaltigen Tränenmeer. Er nahm all seinen Mut zusammen und schwimmend überquerte er das Meer. Seine Arme waren müde, als er am anderen Ufer stand. Dort strahlte die Sonne hell am Himmel. Bald stand Lukas vor dem Abgrund, der die Welt aller Menschen teilt. Da sah er auf der anderen Seite Hanna stehen. Sie hatte all die Jahre auf ihn gewartet. Neben ihr lag Anna im Gras und weinte um Matthias. Lukas kniete nieder und baute mit seinen Händen eine Brücke. Hanna kam ihm entgegen. Sie half ihm und führte ihn in die Welt zurück, die er mit Matthias vor vielen Jahren verlassen hatte, um seine Sehnsucht nach dem Glück zu stillen. Eine Lerche jubilierte über ihnen am Himmel. Lukas dachte an den schweren Weg, den er gegangen war. Jetzt sah er das Land, die bunten Dörfer, die Stadt mit den fünf Türmen und die Menschen mit anderen Augen. Ihr Anblick machte ihn heiter und froh. Die Gegenwart gefiel ihm besser, als die Welt der Wünsche, die er begraben musste, um nicht daran zu sterben. Seine Hoffnung, das Glück zu finden, war zerbrochen. Er hatte endlich die Wirklichkeit für sich entdeckt. Darüber war er froh, - bei ihr angekommen zu sein. Eines Tages, Jahre waren vergangen, er lockerte die Erde eines Rosenbeetes, da trat ihm ein junger Bursche entgegen. Er sah aus wie ein jüngerer Bruder Matthias und er rief: „He, Alter, ich will das Glück! Man sagt, du wärest dort gewesen, wo das Glück zu Hause ist – also antworte! Wo finde ich es?“, wollte er wissen. „Du weißt nicht, wie du leben sollst. Keiner sagt es dir? Das Glück wohnt in dir. Du selbst bist das Glück“, antwortete Lukas. „Lass dir das gefallen. Nimm dich so hin, so wie du bist.“ Lukas brach eine erblühte Rose und gab sie dem Jüngeren in die Hand.

Wer sich ein wenig mit der jüngeren Deutschen Geschichte befasst, wird begreifen, Nationalsozialismus oder im weiteren Sinne Faschismus ist in Europa wenig und in Deutschland gar nicht möglich. Der das Gegenteil erzählt (die Nazikeule) hat noch nie etwas über die 74 Kapitulationsurkunden, die Deutschland nach zwei Weltkriegen unterzeichnen musste, gehört, der kennt die Gewaltenteilung nicht, der kann auch keine linken Lügen beurteilen (kennt keine Diktatur), weiß nichts über die Entwicklung in der Mitte Europas in den letzten 110 Jahren und ist ansonsten ungebildet. Kluge, einfache Leute, die im Frieden leben wollen, halten Einpeitscher und Demagogen für dumm. Richtig, wer die Zukunft ahnt, man kann sie ja nicht kennen, der weiß, die Welt hat den Faschismus überlebt, so wie die Sklavenhalter, den Feudalismus, das Industriezeitalter. Es sind nach den Maschinenstürmern, den Bilderstürmern, den Verneinern die letzten Buch-Messestürmer unterwegs, die bisher die Zeit festhalten wollten, was nicht gelingen wird. Information, Kommunikation, kurz das Internet legt alles offen und bloß. IHR, die Jungen, ihr werdet es erleben, dass die Freiheit der Menschen in der Wahrheit und vor allem in einer Wirklichkeit zu Hause ist, die alles, was ihre Vernunft zerstören kann, unmöglich machen wird. Immer weniger Menschen werden sagen, schlag mich tot, ich will ein Held sein oder man lügt, um die ganz dicken Orden zu erhalten. Es ist kaum zu glauben, aber die "Künstliche Intelligenz" wird sich mit einer neuen Qualität des Denkens durchsetzen. Faschismus, Selbstbetrug, Lügen und vielleicht auch die Diktatur, die ja auch nur sich durchsetzen kann, wo der vernünftige Verstand noch nichts zu suchen hat, wird verlieren. Ich denke, Immanuel Kant wird siegen mit dem Ewigen Frieden. Die, die den Tod wählen, werden verlieren, weil ein Mensch eine Schöpfung des Universums ist und darum sogar gezwungen wird, die Liebe und die Vernunft zu erhalten. Die, die ihre Kinder und Enkel opfern wollen und glauben, sie würden davonkommen, deren Vorhaben und peinliche Dummheiten werden entlarvt. Die KI ist besser als jede chaotische Religion, jede Ideologie und vor allem besser, als jede Diktatur. Ich weiß, ihr werdet mir nicht folgen wollen, weil ihr Angst und Furcht vor der Zukunft und dem Leben habt, ich bin sicher, das geht weg, weil sich der Mensch als Krone des Universums verstehen wird und sich als eins mit ihm begreifen wird. Menschen sind das zu gleiche Ergebnis der Zerstörung und der Harmonie der Naturgewalten im universellen Bereich. Die Schöpfung wird über die "Sehnsucht" siegen, weil der Tod nicht das Ergebnis und Ende des Universums sein kann. Wir alle sind das Ergebnis eines "Gott sei Dank" unvorstellbaren Organismus, der sich bewegt und lebt.

Zeugnis 20 Jahre Enthaltung Reinhardt 0. Cornelius-Hahn nach vierzig Jahren. Geschrieben 2002 im Januar. Es ist gewiss sehr schwer, über sich selbst etwas Ausgeglichenes und Vernünftiges zu sagen, etwas, was auch noch Mitteilungswert ist. Ich möchte über ein Zitat sprechen, dass ich im Autorenheft als Schriftsteller mir vorangestellt habe: Keiner hat nur gesagt, wie ich leben soll. Hinzufügen möchte ich heute: Keiner hat mir gesagt, wie ich leben darf! Folgerichtig hat mir auch keiner gesagt, was ich heute sagen soll. Als ein Mensch, der im Augenblick lebt, ich nenne es auch im absoluten Jetzt leben“ weiß ich, was ich heute fühle und was ich jetzt sagen möchte. Eigentlich sind es nur zwei Dinge, die ich zu sagen habe: Ich freue mich über meinen nüchternen Verstand und ich freue mich darüber, das ich heute nicht trinke. Ein Selbstgebot, dass ich vor zwanzig Jahren mit meinem Betreuerin Melitta Duscha vereinbart habe. Falls ich mich richtig erinnere, stand auf dieser Vereinbarung geschrieben: In aller Aufrichtigkeit vor Gott, dem Herrn und vor mir selbst verpflichte ich mich, drei Monate keinen Alkohol zu trinken Unterschrift - Melitta Duscha und Reinhardt 0. Hahn. So begann das mit meiner Nüchternheit im Verstand. Vieles war dem vorangegangen. Am 14. 01. 1982 erwachte ich Spätnachmittags. Meine Haut war heiß und trocken, mein Verstand erhitzt. Die Gedanken flitzten durch den Kopf, eilig und nicht zu packen. Bauch, Nacken und Arme zitterten nicht, sie rüttelten mich durch wie beim schweren Schüttelfrost. Ich war in einer fremden Wohnung. Wie, ich wusste es nicht. Wieder mal - wie schon so oft. Trinken, reden, trinken reden und dann nur, noch trinken, trinken, trinken, bis die Erinnerung weg war. Gamma-Trinker oder verständlicher Periodentrinker oder noch verständlicher Quartalssäufer. Wobei die Quartale zeitlich immer kürzer wurden. Monatssäufer - das klingt aber nicht so gut. Das versteht auch nicht jeder. Ich war dabei, meine Chancen abzuwägen. Da war aber nicht viel. Wieder trinken bedeutete, den Schritt vom kleinen Tod zum großen Tod zu wagen. Fast 40 kleine Tode waren vorangegangen. Mein Körper hatte mich satt. Es kotzte und schiss aus mir. Suizid war das nächste, gedankliche Angebot. Dazu war ich an diesem Tag zu feige und zu schwach. Abklappern, die Angst vor dem kalten Entzug ließ mich nach Alkohol und Medikamenten suchen. In diesem Raum fanden meine Augen nichts. Da war die Erinnerung: Erwachen in der Klinik. Erwachen aus dem Prädelir. Erwachen im Dreck, Erwachen in fremden Betten Da war noch ein Angebot, die Abstinenzgruppe der Stadtmission. Alles zusammen erbrachte eine heftige Reaktion in mir, die sich aus dem Schämen, der Wut und der Angst zusammengesetzt hatte. Das Angebot, Alkoholiker zu sein, es zuzugeben. Ein trockener Trinker ist besser als ein toter Trinker. Ich bemitleidete mich, ich weinte um mein verlorenes Leben. Es war ein so sinnloses, leeres, kaputtes Leben. An diesem Tag war ich fast 35 Jahre alt. Zweimal geschieden. Ich war wieder bei den vermeintlichen Ursachen. Ein Kind des Hungers, 1947 geboren. 1953 die Flucht mit den Eltern aus der Ostzone nach Westberlin. Die Kindheit im Westen. Meine Spitz- und Kosenamen: Zahnloseminka, Professor, Hähnchen und Otto. Otto gefällt mir noch heute. Ich weiß es noch genau, um mit Hans Falladas Worte zu sprechen: Ich hatte am 14.01.1982 wieder die Möglichkeit - dem Kleinen Tod zu entrinnen, um in den großen zu flüchten. Ich hatte aber auch Alternativen. Sie aber schienen mir unmöglich. Ich dachte an meine Tochter Simone. Sie war im Hort. Ich nahm es jedenfalls an. Aus diesem Bett kroch ich in das Bad. Diese fremde Wohnung war wie jede fremde Wohnung in der Plattensiedlung. im Bad, hinter dem Wäschekorb (ich sah sie sofort) entdeckte ich ein halbes Dutzend Flaschen „Schwarzer Porter“. Die hätte ich in diesem Augenblick am liebsten zugleich getrunken, gelacht und geweint. Im Spiegel sah ich meine Fratze. De Flaschenverschlüsse gaben nicht nach. Ich schlug den Flaschenhals an der Fensterkante ab. So stand ich da. Unbekleidet, vom Entzug geschüttelt, die Flasche in der Hand vor dem Spiegel. Ich war mir unerträglich. Wieder ging mir die Entscheidung durch den Kopf: Aus, Schluss, Weitertrinken und danach Schluss. In diesem Augenblick war ich so verzweifelt wie noch nie meinem Leben. ich wusste ja, wie es kommen würde. Das Scham- und Schuldgefühl peinigte mich heftig, die Angst vor dem Entzug ebenfalls. Ich heulte wie ein Hund und ließ die Flasche in das Waschbecken fallen. Das dunkle, süße Bier lief vollends aus. Es war eine Schande mit mir. Im besten Alter, mutlos, wehrlos, bindungslos. Los von allem. Los von mir selbst. Bedingungslos zuckte es in Verstand. Ich sah mich an und befreundete mich mit dem Begriff der Kapitulation. Das Trinken aufgeben. Die Hektoliter dieser dieser Welt, die schaffe ich nicht mehr. Kapitulieren und endlich Angebote annehmen. Es gab aber nur das eine Angebot. Es war die erste vernünftige Handlung seit Jahren. Vielleicht war es überhaupt die vernünftigste Handlung in meinem Leben. Es los zu lassen, was ich zu haben glaubte, was sich aber meiner bemächtigt hatte. Einfach weg vom ersten Schluck, weg vom ersten Glas. Die Flaschen öffnen und ausschütten. Damit beginnen. Zwischen den Scherben taumelte ich wieder in das große Bett. Aufgeben und Angebote annehmen. Diese Gedanken drehten sich ständig im Kopf. Dazu der Entzug. Dazu später diese fremde Frau, die mich aufgesammelt hatte. Ich kehrte die Scherben zusammen. Wischte das Dunkelbier auf. Es roch sehr süßlich. Zwischen den kleinen Pausen, die das Erbrechen mir erlaubte, bat ich sie darum, die Stadtmission anzurufen. Sie war enttäuscht. Sie war korpulent. Jemand, den sie nicht kannte, würde mich ihr wegnehmen. Davor hatte sie Angst. Das war richtig. Eine Stunde später stand Wolfgang vor der Tür. Wolfgang - Alkoholiker, so stellte er sich vor. Ich ging auf sein Angebot ein, am nächsten Tag in die Stadtmission zu kommen. In die Gruppe. Ich sollte mich stellen. Über mich reden. Reinhardt - Alkoholiker. Ich schob das weit weg, aber ich ging auf die ersten Bedingungen ein: Keinen Tropfen mehr, kein Medikament mehr, in die Gruppe kommen und über mich reden. Der kalte Entzug, das sind Suppen, Säfte, Herzschläge die sich nicht wiederholen wollen, Schüttelschauer, Halluzinationen und immer wieder die Heimsuchungen durch die Körperöffnungen. Es ist ein Erbärmliches und auch Erbarmungswürdiges Schauspiel. Man ist Beteiligter an einem Stück, dass man selbst gerade schreibt, spielt, sogar lebt. Man will Publikum sein, doch es vergeht einem der Beifall. Die Kraft zu klatschen, die ist nicht vorhanden. Ich forderte für mich selbst wenigstens Linderung oder vielleicht Heilung. Mein Körper zahlte den Tribut, den der Verstand hatte entrichten müssen. Mein Verstand hätte verrückt werden müssen, um all das nicht mehr ertragen zu wollen. Er wollte nicht verrückt werden. Er ertrug es aber auch nicht mehr. lii dieser Nacht und am folgenden Tag schöpfte ich nicht nur Atem zwischen den Anfällen, ich schöpfte ein ganz wenig Mut und ein ganz wenig Hoffnung. Und die Wut auf mein kaputtes Leben wuchs. Kränkung und Liebesentzug. Ich habe mich doch nur nach Geborgenheit gesehnt. Ich wollte doch nur auch so sein, wie die anderen. Die Wohnung, die Arbeit und vor allem die Frau und die Kinder, so wie die anderen auch, -vielleicht ein wenig besser, ich hatte es vielleicht verdient. Genug ist genug: Kinderheim, Beruf, danach auf Montage In Leuna und die Neigung, den menschenfeindlichen Verwaltern einer absurden Ideologie zu verfallen. Liebe und ein Zuhause zu finden. Liebe durch Geben und Helfen und endlich ein Zuhause in mir wollte ich haben. Ich wußte damals nichts darüber. 24 Stunden später saß ich in der Gruppe, zerquält, weinend, zerknirscht. Ich wollte allem abschwören, doch das wollte keiner. Die Angst vor dem Nüchternwerden saß im Herzen fest. Auswege, Ausflüchte, Rückfall. Ich kannte das, alle kannten das. Mein erster tastender Schritt war die Abstinenzvereinbarung. Drei Monate ohne Alkohol. Jeder Tag könnte ein fest werden. Eines ohne Schnaps und Rückfall. Und es ging, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Es lebte sich etwas anders, aber nicht unbedingt besser. Es war der Beginn. Danach das Bekenntnis im Betrieb, ich bin alkoholkrank. Später, ein Bekenntnis vor 500 Menschen, von einer Bühne in einer Nervenklinik. Es war absurd, aber es half. Dazu immer die neue Absprache im Verstand: Was willst du wirklich?. Was tust du jetzt, eben gerade denken?. Sei aufrichtig. Sei ehrlich mit dir selbst, das schadete niemanden. Mach es nur mit dir ab. Von diesem Standort aus immer die Konsequenz, was wird, greifst du zum ersten Gals. Trinke ich, so ist alles wieder anders. Nichts beginnt von vorn, alles geht vom alten Standort weiter, an der ich das letzte Glas getrunken habe. Es ist der Moment, eigentlich die Sekunde, in der ich das Glas zum Mund führe, da wäre alles wieder zu spät. Führe ich gedanklich die Flasche oder das Glas an den Mund. Was habe ich da vor? Heute weiß ich für den Augenblick sogar, wie ich leben soll. Das erste Selbstgebot ist der Inhalt aller Zehn Gebote für mich. Verletze ich mein erstes Gebot, so wird das Brechen aller Gebote sonst für mich zugänglich und normal. Ein nasses Trinkerleben ist ein erbärmliches, ein trauriges Leben. Keiner sollte so leben, doch jeder entscheidet das für sich ganz allein. Da kann niemand helfen, weder die Gesellschaft noch der Staat. Das ist ein Kinderglaube. Auch nur die Annahme ist irrig, weil es um meinen Leib geht, Nur der liebt, der kann helfen. Wer aber hilft dem Alkoholkranken, der sich doch gefälligst selber helfen könnte. Er muss doch nur aufhören mit dem Trinken - mehr nicht? Da ist es gut die Chance und das Angebot zu wählen, dass es in der Stadtmission, hier in Halle im Weidenplan. Weil es nur mit Liebe geht. Ein Kranker kann mich nicht kränken, habe ich mal gelesen und ich glaube, darauf kann man sich verlassen, zumindest hier in diesem Haus. In einer Zeit, die wahrlich bitter und düster war, war hier in diesem Hause Licht. Dafür danke ich den Helfern der Stadtmission. Ich danke der damaligen Gruppe, dafür danke ich Gott. Er spricht aus tausend Mündern überall und täglich zur mir, was ich soll und tun darf. Und, er meint es gut mit mir, so lange ich nicht trinke oder anderen Süchten nachgehe. So gesehen ist vieles, was ich heute tue, vernünftig. Was will ich mehr vom Leben? Zwei drei Sätze noch. Ich bin nicht nur so dankbar, weil ich leben darf. Ich bin dankbar all den Menschen, die Vertrauen zu mir haben. Ich habe eigentlich nur eines dafür anzubieten, das ich auch heute wie jeden Tag, wie schon seit zwanzig Jahren, nüchtern bleibe. Und, ich möchte bei all denen um Verzeihung bitten, die schon vor zwanzig Jahren meine Gefährten waren. Und auch bei denen, die unter meiner Sucht gelitten haben, bitte ich um Verzeihung. Danke sage ich auch heute, nach über vierzig Jahren Kapitulation in der Stadtmission

Im Leben war ich schon etliche Male unten, mitunter, besonders tief unten. Mit 12 Jahren im Zug von West nach Ost 12 Stunden, zwei kleine Geschwister an der Hand, vor dem Brandenburger Tor, 1961, gezeichnet und zwei Jahre später an der Mauer festgenommen. Danach kamen gute Zeiten. Die beendete ich selbst, 1976 raus aus der SED, danach Literatur, kein Alkohol mehr, Erfolg und danach begann die EINHEIT. Welch ein Drama, über 20 Jahre Wirtschaft, aber nun wieder frei und schreibe....