Reinhardt O. Hahn Schriftsteller Verleger Herausgeber
Reinhardt O. Hahn     Schriftsteller     Verleger    Herausgeber   

Gästebuch

In eigener Sache: Der Wert einer literarischen Idee, um die Welt wahrhaftig erklären zu können, ist der Wirklichkeit des berichtenden Publizisten / Journalisten gewichen. Es scheint, wir brauchen keine Poesie mehr. Wir benötigen aus dem Trauma des Überlebens heraus den Schrecken der Wirklichkeit. Ständige Bedrohungen und Ängste, sie sind das neue Elexier der Vorstellungen und Träume geworden. Aus dieser Quelle speist sich der neue Mensch, der einen neuen Sinn zur Wahrnehmung entwickelt hat, den digitalen..., während die anderen Sinne verkümmern.

 

 

Gesendet von SuitBert.

Eisleben, 24. Januar 2015. Ich erlebe das Ende einer Verlags GmbH, meines Verlages. Das Ende eines Bücherfreundes. Das Ende? Der Bücherfreund geht, aber er gibt nicht auf. In den Räumen sieht es wüst aus, wie nach einem vandalistischen Einbruch. Leere Regale, alles rausgeräumt, der Boden bedeckt mit Massen von neuen Büchern. Gerettetes in Kisten, gestapelt auf dem Boden. Ein ganzes Lager, geordnete Kolonnen, die schweigend auf den Vernichter, den Schredder warten, der in zwei Tagen kommt. Büchervernichtung. Welch ein dunkles Zeichen im funkelnden Kosmos der Kultur. Eine Stimme, eine Saatfurche weniger. Ein Hundertfaches an Schweigen mehr. Das reiszen die Groszen des Geschäfts mit der Literatur nicht raus. Inhaber von Monokulturen des Geschmacks, den man auf Schreibeakademien erlernt wie das Ackern mit Traktoren. Lauter Agroliteratur. Ausgelaugter Boden, Überdüngung des Geschmacks. Vereinheitlichung der Ernte wie bei Mais oder Weizen. Zuchterfolge. Abgeerntete, kahle übersäuerte Felder danach. Buchstabengentechnik. – Wo immer die Gründe für das Versagen liegen mögen, die einen Verlag zur Aufgabe zwingen, es ist ein Zeichen von fortschreitender kultureller Kachexie in bläulicher Atemnot und mühsam abgehustetem Auswurf. Der Arzt sagt: Finalstadium, allenfalls Sedierung. Und Vorsicht vor Kontakten. Eine Epidemie? Dann legt die Schutzanzüge an! Desinfektion! Desinfektion! Heilung in einem besseren Klima? Zauberberge? Wunderwirksame Bekenntnisse? Nichts davon. Das Klima stimmt nicht. Die Saat und ihre Früchte werden dort, wo sie noch aufgegangen sind, halbreif mit gewaltigen Erntemaschinen namens Long- und Short-Lists oder anderen Preisrobotern eingeholt. Zurück bleiben kahle Flächen voller Abraum, untergepflügt, vergüllt. Wo bleibt der Regen? Die Themen trocknen aus. Genetisch manipulierte Hypes, fickbare sterile Moden, eingedampft zu Weihrauch vor den Altären des festlichen Betriebs. Die Messen voll geschickt verpackt präsentierter Produkte strotzen von gepriesenen Normerzeugnissen. Fern, sehr fern steht der staunende, verschmutzte Bauer in den Feldern seines literarischen Kleinbetriebs, dieser um seine innere Stimmigkeit ringende Bücheranbauer, der es nicht auf die groszen Märkte schafft, aber eine Kundschaft hat, an die er gute Dinge verkauft. Er lebt. Ein Ideal? Hochjubelei des nahen, vertrauten Marktes? Vergrünung des Verdorrenden? Fantasien von Dennoch und Widerstand? – Vergessen wir solche verschrägten Attitüden. Ein Bauer sieht seinem Ende zu. Ich bin traurig über einen Verlust. Eine Feldfläche weniger. Da sind noch Säcke voll Saatgut. Er schleppt sie fort. Wo geht er hin? Wo ist sein Hoffnungsacker? Er gibt nicht auf. Ein Bild: er steht da zwischen den geleerten Regalen wie ein besiegter König, der seine Krone nicht hergibt. Kein Unterlegener. Eher ein Aufersteher, ein Widerständler, ein So-stehe-ich-hier-ich-kann-nicht-anders. Ein anhaltinischer Kohlhaas. Verpfändete Druckmaschinen, verpackt für den Abtransport, Inventar von Büros und Geschäft, überall Entleerung, Zeichen von Hoffnungslosigkeit und Aufgebenmüssen, Reste von Büchern, wirklich schönen Büchern. Ein letztes Mahl. Coffee to go, McDonalds-Tüten, Cola light. Alles im Stehen. Dann ist Schluss. – Ich habe den Rest meiner Bücher eingepackt. Es ist kalt. Ich fahre los. Auf der Autobahn beginnt es zu schneien. Die Lichter blenden. Meine Auge schmerzen. Nachrichten. Wieder Hunderte von Toten. Kindersoldaten. Verschleppte Frauen. Was bewirken Bücher? Wozu das Gedicht? Die Strasze wird langsam weisz. Blinkende Streufahrzeuge. Salz klirrt an das Auto. Ich erschrecke. Im Kofferraum liegen meine Bücher. Ich habe über ein paar unwichtige Dinge geschrieben. Die muss ich nach Hause bringen. Der Kohlhaas aus Eisleben hat sie gedruckt. Nun werde ich die Reste irgendwo unterstellen. Und weiter? Wie soll ich wissen, wohin sie gehen, wenn ich nicht weisz, woher sie kamen? Mein Sehvermögen ist begrenzt. Vergangene Ideale. Gegenwärtige Unzulänglichkeiten. Zukünftige Fragestellungen. Wie kann man da weiterkommen? Aber das Schreiben und das Veröffentlichen geht weiter. Es ist etwas, was nicht zu unterdrücken ist. Das verselbstete Selbst. Daran halte ich fest. Mitten in dessen Auflösung.

 

 

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